Stilelemente Mettlacher Keramik

Elefantengriff bei Vase #2851

Der Historismus prägte die Kunst in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Stilistische Elemente aus der Antike, dem Mittelalter, aus der Kunst des 15. - 18. Jahrhunderts standen im Mittelpunkt künstlerischer Schöpfung und man traf damit genau die Gefühle der Menschen der damaligen Zeit.

Darüber hinaus hatte auch Nahost (der geheimnisvolle Orient) und vor allem Japan einen großen Einfluß auf die westeuropäischen Künstler und man ließ deren Stilelemente in die eigenen Schöpfungen einfließen.

Bis zur Weltausstellung von London 1851 war der Einfluß aus Asien eher unbedeutend. Danach fingen europäische Künstler an auch diese Kunst eifrig zu kopieren und imitieren. 

Aber auch die islamischen Stilelmente mit ihren ausdrucksvollen Mustern und farbenreichen Glasuren waren für Westeuropa eine Sensation.

Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass diese Begeisterung auch nach Mettlach überschwappte und in den Keramiken Einkehr fand. So sind viele Details an Mettlacher Produkten wie z.B. Griffe als Drachen und Elefantenrüssel und gewisse Körperhaltungen und Gebärden von Personen wie auch Kirschblütenzweige einer "orientalischen Ausdrucksweise" zurechenbar.

Mettlach war damals nicht so bekannt wie die Metropolen der Kunstszenen - München, Darmstadt, Berlin, Paris oder Brüssel.

Man kann trotzdem wahrnehmen, dass sich Mettlach von Anfang an dem Historismus in der Keramikproduktion anschloß. Dabei waren die produzierten Keramik-Produkte nicht nur technisch perfekt sondern auch wertvolle stilistische und künstlerische Äußerungen der Werte dieser Epoche.

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Ein sehr bekanntes, frühes Produkt aus der Mettlacher Keramikproduktion ist z.B. der Kölner Dom-Becher. Er wurde 1845-1847 von dem Architekten Ludwig Foltz im neo-gotischen Stil entworfen. Das Stilelement der Neo-Gotik findet man auch noch bei vielen anderen Werken, die dieser Künstler für Mettlach geschaffen hatte.

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Die Motive aus früheren Epochen sind sehr typisch, so werden Landsknechte und (Kreuz-) Ritter sehr häufig in den Darstellungen der Dekore verwendet.

Auch das Aufgreifen der alten, germanischen Legenden war ein beliebtes Thema. Beim bekannten Komponisten  Richard Wagner z.B. waren sie Gegenstand in seiner Oper und einige Szenen zieren auch Mettlacher Keramik (z.B. Lohengrin's Hochzeit auf dem Krug #2391).

Alles Ausdruck der Liebe und Leidenschaft eines Volkes für die eigene Vergangenheit.

Aber auch das Interesse an der Antike in der damaligen Zeit findet man auf den Mettlacher Steinzeugobjekten abgebildet. Man denke dabei nur an dieDrachen Henkel  Kamee und Phanolith Wandteller, Amphoren, Kannen und Krüge von dem Mettlacher Künstler Jean-Baptiste Stahl.

Sie stellen am häufigsten Szenen aus den trojanischen Kriegen und griechischen Götterwelt dar.

Nicht zu vergessen ist die ausgepägte Vaterlandsliebe, die durch die erstmalige Vereinigung einiger Länder und Königreiche zum Deutschen Reich 1871 beflügelt wurde.

Auch diese findet man in den Darstellungen der Germania (z.B. Wandteller #1386) und durch heraldische Symbole (z.B. Wappenteller #1290/3225auf einigen Mettlacher Objekten abgebildet.

Vielen werden die Dekore der Mettlacher Artikel aus dieser Epoche als zu pömpös und gefühlsbeladen erscheinen.

Aber wenn man berücksichtigt, dass dieser Pomp vor dem 19. Jahrhundert ein Privileg des Adels und der Kirche war, so waren diese doch plötzlich durch die Industrialisierung in der Herstellung (und dadurch niedrigen Preisen) einer viel größeren Zahl von Menschen zugänglich.

Und das war etwas ganz besonderes, denn nun konnten auch Industrielle, Kaufleute und der Mittelstand sich diesen Pomp vergangener Zeit in die Häuser holen und sich wie "Könige und Prinzen" fühlen :-))

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Kurz vor Ende des 1900 entwickelte sich aus dieser Stilvielfalt etwas ganz Neues, der Judendstil (auch Art Nouveau genannt, bekannter Künstler für Mettlach war z.B. Hans Christiansen), welcher dem bisherigen Trend der Nachahmung und Imitation entgegenstand und langsam abschaffte.

Der Jugendstil beruhte auf einer harmonischen, weichen, ja gerade zu weiblichen Linienführung, die in der Begeisterung für den Orient seinen Ursprung hatte und für Vitalität, Modernität und vor allem Orginalität stand.

wehendes HaarTypische Merkmale waren Frauen mit wehenden, langen Haaren und heller Haut (z.B. Mettlach Wandteller #2542), Seerosen, Iris, Mohnblüten, Schwäne auf dem Wasser, Kleider aus leichtem Stoff und vielen flüssigen Falten) und vieles mehr.

Die Formen waren sehr elegant, schlicht und edel, die Dekore der Form angepaßt, japanische Einflüsse deutlich erkennbar.

Im Laufe der Jahre wurden dann die Motive immer abstrakter dargestellt. Auch wenn z.B. das florale Element im Dekor noch erkennbar ist, so bleibt nur ein Linienspiel übrig, das der Form und den Proportionen des Objektes angepaßt ist und die Form betont. Der Übergang in eine weitere, neue Stilrichtung wurde damit eingeleitet.

Auch in Mettlach erkannte man diesen Aufbruch in neue Stilrichtungen und wenn man sich den Verkaufskatalog von 1899 anschaut erkennt man, dass man sich teilweise von den alten Einflüssen befreit hatte und das Neue in die Dekore mit aufnahm.

Insbesondere bei den Mettlacher Wandtellern und Vasen bemerkte man den neuen künstlerischen Einfluß in den Motiven, wobei man bei den Punchbowlen und Krügen noch an dem Altbewährten festhielt.   

Abschließend läßt sich sagen, dass Mettlach im Zeitraum von 1885 - 1910 (= goldenes Zeitalter Mettlacher Keramiken) sich vom Historismus in all seinen unterschiedlichen Facetten, zum Jugendstil bis hin zum völlig abstakten, geometrischen Dekor entwickelte und sich somit immer schnell der aktuellen Mode angepaßt und damit großen Erfolg hatte.

Neben dem Stamm an hervorragenden Vorort-Mitarbeitern, die in Mettlach in der eigenen Zeichenschule ausgebildet wurden, hatte die Leitung von Villeroy & Boch auch große Persönlichlichkeiten dazu gewinnen können, für Mettlach zu arbeiten.

Dies und die hohe technische Qualität der Mettlacher Keramiken, verhalf dem Unternehmen auch weit über die Landesgrenzen hinaus, bekannt zu werden.

Hier noch einmal die Stilelemente der damaligen Zeit, an konkreten Mettlacher Produkten gespiegelt

  • Antike --> Wandteller #2199, von Heinrich Schlitt entworfen, Stilelemente: Farbkombination und Motive
  • Neo-Klassizmus --> Wandteller #2443, von Jean-Baptiste Stahl signiert, Phanolith- und Kamee-artige, reliefierte Keramik
  • Neo-Rokoko --> Punch-Bowle #2088, von Heinrich Schlitt signiert, Stilelement: muschelförmige Umrandung
  • frühe Renaissance --> Nautilus-Pitcher #1123, in den 1880er Jahren entstanden
  • Neo-Renaissance --> Kanne #1169, aus der 1880er Jahren, erhabenes Dekor und Imitation von 400 Jahre alten Silberkannen
  • Neo-Gotik --> Kölner Dombecher (entworfen von Ludwig Foltz), 1845-47
  • Fernost --> Wandteller #2560, Stilelemente: grafische Gestaltung der Landschaft, zarte Farben und japanische Kirschbäume
  • Edler Jugendstil --> Kanne #2098 und Vasen #2909 und #2976, Stilelemente: Pfingstrosen, das flexible Liniendekor der eleganten Form angepaßt
  • Vaterlandsliebe  --> Krug #2097, von Otto Hupp entworfen, musikalisch inspiriertes Dekor und Wandteller #2080, signiert von Alfred Stöcke
  • Japanismus --> Teller #1707, Stilelemente: Wahl der Farben, Anpassung des Dekors an die Form, Drachenmotiv
  • Jugendstil (abstrakt) --> Bierkrug #3321, stark geometrisches Dekor aus den Jahren um 1907-1910

 

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Quellenangaben:

1. Mettlacher Turm (Ausgabe November 1978 / Nr. 5): Vereinszeitschrift des Mettlacher Steinzeugsammler Vereins, Artikel: Dr. Therese Thomas - Art Nouveau Steinzeug in Mettlach

2. Mettlacher Turm (Ausgabe Dezember 1997 / Nr. 72): Vereinszeitschrift des Mettlacher Steinzeugsammler Vereins, Artikel: Dr. Therese Thomas - Mettlacher Steinzeug: Eine Stilgeschichte

3. Dr. Therse Thomas: Die Rolle der Familien Boch und Villeroy im 18. und 19. Jahrhundert, Doktorarbeit, Saarbrücken 1974, Seite 121-162

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