Kamee und Phanolith

Ausschnitt des Dekor von Wandteller #2443 (Kamee)

Es dauerte in Mettlach fast 50 Jahre bis man vom Reliefstil (Anfänge um 1840) in eine neue, auf den ersten Blick ähnliche Produktionstechnik wechselte, dem Kamee (Gemme, engl: Cameo) und Phanlolith (= sichtbarer Stein, aus dem Griechischen phanein = "sichtbar werden, zum Vorschein kommen" und lithos = Stein).

Etwa 1893 wurde dieses zweifarbige Steinzeug in Mettlach eingeführt und hatte seinen Höhepunkt in der Weltausstellung in Paris in 1900. Im Jahre 1901 wurde es in den Mettlacher Steinzeugkatalog aufgenommen. Meister in der Anwendung dieses neuen Produktionsverfahrens war der Mettlacher Modelleur "Jean-Baptiste Stahl".

Aus mündlichen Überlieferungen innerhalb der Familie Stahl weiß man, dass es sich um den Werkstoff "Parian" gehandelt haben soll, den Jean-Baptiste Stahl bei der Erstellung seiner Kamee- und Phanolith-Kreationen für Mettlach benutzt hat.

Parian ist eine Art "Porzellan", dass seit dem 2. Drittel des 19. Jahrhunderts Anwendung fand, vor allem in der Herstellung von Puppenköpfen. Die Rezeptur für das Parische Porzellan dürfte in Mettlach natürlich auf die besonderen Eigenschaften bei der Nutzung auf Keramiken angepaßt worden sein.

Der große Unterschied zu den bisher gefertigten Reliefprodukten liegt in der viel feineren, dünneren Parischen Porzellan-Masse, die man auf den Korpus der Keramiken auftrug, was ein Durchscheinen des Hintergrunds (grün oder blau) an den dünnsten Stellen ermöglichte und somit Schattierungen mit einhergehender Tiefenwirkung ermöglichte. Besonders gut ließen sich wehende lange Haare, dünnstoffige, faltige Gewänder, Gesichter und Blumengirlanden darstellen.

Durch die Verwendung dieses deutlich dünneren Werkstoffs "Parian" (im Gegensatz zu den weit vom Keramik-Korpus hervortretenden Relieffiguren aus Ton) war aber auch die Toleranz zwischen den Materalien (Korpus und Dekormasse) viel geringer.

Die Schwierigkeit bestand darin, dass die Parian-Masse für das Dekor beim Brand gegenüber der Keramik bis zu 20% mehr schwindet. Um unschöne Brandrisse zu vermeiden, mußten die Mettlacher Keramiker einen Materialmix zusammenstellen, das ähnliche Ausdehnungseigenschaften wie die Keramik hatte. 

Es bedurfte einer über Jahre andauernden Experimentierphase in Mettlach, bis man die richtige Zusammensetzung herausgefunden hatte. Was dabei herauskam war ein, neben der Chromolith-Produktion, weiterer Höhepunkt der Keramik-Produktion an der Saar, was nicht nur technisch, sondern auch ästhetisch von einer hohen Perfektion war. 

Verfahren:

Bei der Herstellung der Kamee- und Phanolith Produkte wurden  zuerst die Trägerobjekte (Vasen, Wandteller, ...) im Schlickergussverfahren (so der aktuelle Kenntnisstand) geformt, mit einer zartgrünen bzw. blauen Mattglaur eingesprüht und dann vorgebrannt. In einem davon getrennten Arbeitsschritt wurden die Dekore (Figuren) aus der bereits genannten elfenbeinfarbigen Parian-Masse auf die vorgebrannten Trägerobjekte aufgelegt.

Wie dieses Auflegen der Porzellanmasse nun vonstatten ging, ist noch nicht endgültig belegt. Es gibt die Theorie, dass diese Dekor-Masse separat ausgeformt wurde und anschließend auf das Trägerobjekt aufgebracht wurde. 

Ein etwas anderer, neuerer Denkansatz geht davon aus, dass in einem zweiten Schlickerguss das Porzellandekor (Phanolith) aufgetragen wurde und dass man anstatt Gips auch Wachsformen genutzt hat, um die äußerst detaillierten Merkmale des Dekors zu erstellen.

Dafür sprechen würden die kleinen Fehler, die man bei genauerem Hinschauen auf einigen Objekten mehr oder weniger erkennt. Dies können kleine, aufgeplatzte (Luft-) Blasen auf dem Dekor, Spuren von Linien aus der Schlickerguss-Form oder auch Spuren von der weißen Parian-Masse auf der gesamten Oberfläche sein. Ein Punkt, der mit Sicherheit noch nicht ausdiskutiert ist.  

In einem zweiten Brand verschmolzen die beiden Materalien (Keramik-Träger und Porzellan-Masse) miteinander und die Dekormasse wurde fixiert.

Warum unterscheidet man nun zwischen Kamee- (= Gemme, auch unechtes Phanolith genannt) und der echten Phanolith-Keramik? Eigentlich wurden PhanolithPhanolith-Wandteller und -Vasen (keine Krüge) in dem selben Formungsverfahren hergestellt wie die Kamee-Produkte.

Beim (echten) Phanolith waren aber die Toleranzen beim Brand noch geringer und das Material noch feiner als beim Kamee, so dass man mit den Schattierungen spielen konnte und eine Vorstellung von Räumlichkeit (ähnlich wie in der Malerei mit den Farben) in der Bildfläche erzeugen ließ.

Dieses noch aufwendigere Verfahren der Herstellung und Modellieren beim echten Phanolith machte die Produkte auch deutlich teuerer als die Kamee-Produkte. So kostet dasselbe Kamee-Produkt in echtem Phanolith hergestellt in den Mettlacher Preiskatalogen fast das Doppelte.

Unterscheiden kann man Kamee- und (echte) Phanolith-Artikel auch durch ihre Modellnummer (Formnummer). Kamee-Nummern liegen zwischen #2000 und #3500, die Phanolith-Nummern alle über #7000.

Neueste Erkenntnisse zeigen, dass die Anzahl von Produkten in echten Phanolith recht bescheiden ist. In den Mettlacher Preiskatalogen von 1905 bis 1908 tragen lediglich 80 verschiedene Produkte ausdrücklich die Bezeichnung "Phanolith, alles Gegenstände mit einter 4stelligen Nummer, beginnend mit der Zahl "7".

Die ganze Phanolith-Produktion läßt sich zeitlich gut einordnen, da sie zwischen 1901 und 1910 in den Verkaufkatalogen abgebildet wurden. Die Preise entsprechen dem Qualitätsunterschied zwischen Kamee- und (echtem) Phanolith.

Kamee-Wandteller mit den Formnummer #2442 und #2443 kosteten damals etwa 10 RM, während gleich große Phanolith-Teller ungefähr das Doppelte einbrachten. Wenn man die Preise mit etwa gleich großen Tellern in Chromolith-Technik vergleicht, wie z.B. die sehr begehrten Teller "Schneewittchen und Papageno (Formnummern: #2148 und #2149)" mit jeweils 10 RM oder die Teller mit den "Rittern der Häuser Habsburg und Hohenzollern (Formnummern: #2187 und #2188)" mit jeweils 12 RM, dann waren echte Phanolith-Teller sehr teuer, was auf eine aufwendige Produktionstechnik schließen läßt.

Um die genauen Unterschiede kennen zu lernen, sollte man sich z.B. diesselbe Amphore kaufen, welche einmal in Kamee- und ein weiteres Mal (später) in Phanolith hergestellt wurde (z.B. Formnummer #2446 und #7010). Möchte aber anmerken, dass die Anzahl von identischen Objekten, die in den beiden Herstellungsvarianten produziert wurden, sehr gering ist. Erstaunlich ist auch, dass kein Bierkrug und auch keine einzige Bowle das Prädikat "Phanolith" erhielt, dafür aber Vasen, Jardinieren, Wandbilder- und teller, Blumentöpfe und Medaillions, eine Uhr und eine Schmuckdose.

Die folgenden beiden Bilder zeigen Ausschnitte der identischen Vasen (Form und Dekor) #2446 (oberes Bild) in Kamee und #7010 (unteres Bild) in Phanolith    

 2446 Kamee7010 Phanolith

 

  

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